Gedanken zum Thema "Glauben und Geniessen"- von Arne Stolorz

"So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen." Prediger 9,7

 „Glauben und Genießen“ - ein schwieriges Thema?

 Eigentlich nicht. Denn die Bibel ist randvoll mit Geschichten, in denen das gemeinsame Essen und die Freude daran im Mittelpunkt stehen. Verschiedene religiöse Feste der jüdischen Tradition wie besonders das Passahfest beginnen mit einem Festmahl. 

Auch Jesus war kein Kostverächter. Wenn Jesus mit anderen Menschen zusammen war, dann hat er mit ihnen gefeiert, gegessen und getrunken. Erzählungen wie das Weinwunder von Kana, die Speisung der 5.000 oder auch die Zachäusgeschichte sprechen hier eine ebenso eindeutige Sprache wie Jesu Erzählungen: So lässt beispielsweise der Vater ein Festmahl ausrichten, als der verlorene Sohn heimkehrt (Luk. 15,11ff). Dies brachte Jesus den Vorwurf ein, er sei kein Prophet und schon gar nicht der Messias, sondern ein „Fresser und Säufer“ (Matth. 11,19).

Doch für Jesus war das gemeinsame Mahl in der Tat „ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit“. Jesus knüpfte dabei an die Tradition der Propheten an, bei denen Gottes Reich mit dem Bild eines himmlischen Festmahles ausgemalt wird: „Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten und erlesenen Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen. … Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht.“ (Jesaja 25, 6 und 8).

Während jedoch bei den Propheten des Alten Testaments das himmlische Festmahl Zukunftsmusik war, war es für Jesus gelebte Gegenwart: Dort wo Menschen über alle Schranken hinweg Brot und Wein miteinander teilen und niemanden ausschließen, geschieht bereits Gottes Reich, wird Gottes Ewigkeit in unserer Zeit spürbar. Das geteilte Brot steht dabei für das Lebensnotwendige, der geteilte Wein für den Genuss. Beides gehört zum Leben dazu, und beides ist uns verheißen. 

Natürlich hat auch für Jesus „ein jegliches seine Zeit“ (Prediger 3). Nach seiner Taufe ging Jesus für 40 Tage in die Wüste und fastete, um seinen Weg zu finden. Und mit den Worten, die Jesus bei seinem letzten Mahl mit seinen Freunden über Brot und Wein sprach, erinnerte er auch an Zeiten, da der Genuss zurückstehen muss. Fasten hat seit jeher in der Kirche eine wichtige und unaufgebbare Tradition. 

Aber eben auch der Genuss. Und so wurde das „Mahl des Herrn“ zum unverkennbaren Merkmal der jungen christlichen Gemeinden und war Ausdruck, dass Gottes neue Welt im Hier und Jetzt bereits sinnlich erfahrbar ist. 

Das Herrenmahl ist bis auf den heutigen Tag in allen Kirchen Ausdruck christlicher Gemeinschaft geblieben. Doch leider auch des Gegenteils: Bereits die von Paulus gegründete Gemeinde von Korinth baute wieder Gegensätze auf, indem die Wohlhabenden, die auf ihre noch ärmeren Mitchristen warten mussten, da diese noch arbeiten mussten, sich schon mal satt aßen, so dass die Armen mit knurrenden Mägen das Herrenmahl feiern mussten. Die Empfehlung des Apostels, das Sättigungsmahl vom Herrenmahl zu trennen (1. Kor. 11,33f), um Konflikte zu vermeiden, wirkt nach bis auf den heutigen Tag. Darüber hinaus wurde das Verständnis des Herrenmahls zum Zankapfel der Konfessionen und ist insofern gleichzeitig trauriger Ausdruck der Trennung der Kirchen.

Doch auch darin wirkt die jüdisch-christliche Tradition der Bibel fort, dass Essen in allen christlichen Zusammenhängen stets eine große Rolle spielt. Ob Gemeindefeste oder Gemeindegruppen, ob Kirchkaffee oder Beerdigungsschmaus, ohne das obligatorische Stück Kuchen oder andere Köstlichkeiten geht es nicht, so dass leicht der Eindruck aufkommt, der Ausspruch „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ sei nach dem Besuch einer kirchlichen Gemeindeveranstaltung entstanden. 

Doch hier, im Miteinander von Christen, wirkt fort, was bereits Jesus wusste: Dass Essen verbindet. Und wird der Apostel Paulus beim Wort genommen, der den Körper als Tempel des Heiligen Geistes bezeichnete (1. Kor. 6,19). So wird der genussvoll verzehrte Erdbeerkuchen zum sinnlich erfahrbaren Tempeldienst und der Tempeldienst zum Gaumenschmaus. Ja, und in der Vorweihnachtszeit, traditionell eigentlich als Zeit des Fastens angesetzt, da darf es mit Spekulatius, Christstollen und anderen Köstlichkeiten, die in kirchlichen Zusammenhängen „erfunden“ wurden und die bei keiner Adventsfeier fehlen dürfen, da darf’s auch schon mal ein bisschen mehr sei; da verleibt man sich das Christkind höchstpersönlich ein. Symbolisch, versteht sich… 

Dass Kochen Frauensache sei, ist dummes Zeug. Männer hatten schon immer Freude an der Essenzubereitung und entwickelten darin eine geschichtlich verbürgte erstaunliche Kreativität. Besonders das Klosterwesen ist hier zu nennen. Und wäre nicht die unselige Rollenteilung infolge der industriellen Revolution gekommen, würden vermutlich auch heute noch erheblich mehr Männer nicht nur den Grillmeister zum Gartenfest, sondern auch den Chefkoch beim sonntäglichen 3-Gänge-Menü in der Familie abgeben. Aber auch hier deutet sich seit einiger Zeit ein Rollenwechsel an, und Männer entdecken verstärkt Spaß am Kochen. 

Doch anders als die Mütter- und Vätergeneration schätzen diese Männer der kirchlich sonst meist verwaisten mittleren Generation andere Formen der Geselligkeit. Nicht: Begrüßung, Andacht, Kaffeetrinken, Referat und Aussprache, wie es in fast allen Gemeindegruppen üblich ist, wird hier gepflegt, sondern ein formloses Miteinander und Nebeneinander beim gemeinsamen Schnippeln und Brutzeln und Palavern über scheinbare Belanglosigkeiten und „Gott und die Welt“, bis der Festtisch zum gemeinsamen Gaumenschmaus angerichtet ist. Vielleicht wirklich „typisch Mann“! Dass dabei nicht nur das eine oder Bier gestemmt wird, sondern dass daraus auch ganz andere Aktivitäten wie gemeinsam vorbereitete Gottesdienste und Benefizveranstaltungen möglich sind, zeigen die Bruzzelbrüder. Aber auch zwei weitere bemerkenswerte Eigenheiten: Die Männer, die sich hier ansprechen lassen und zusammenfinden, bilden eine Solidargemeinschaft, die alle sozialen Grenzen sprengt. Vom Hartz IV Empfänger bis zum Unternehmer, vom Handwerker bis zum Universitätsprofessor kommen etwa in meiner Heimatgemeinde in Sprockhövel Männer jeglicher Couleur zusammen und sind beim Kochen wie beim anschließenden Essen und Spülen „einer in Christus“. Darüber hinaus teilen diese Männer nicht nur Kochtopf und Gerstensaft, sondern auch ihre Sorgen. Nicht selten entwickelt sich aus diesem scheinbar zweckfreien „small talk“ das eine oder andere persönliche Gespräch mit einer Tiefenddimension, das seelsorgerliche Qualitäten hat, und in dem Partnerschaftskonflikte, berufliche Probleme, aber auch Fragen und Zweifel bei Glaubensdingen existentiell zur Sprache kommen.

Und inzwischen, nach nahezu 7 Jahren regelmäßiger Erfahrungen mit Männern, die in der Kirche gemeinsam kochen, aber auch beten und feiern, bin ich der Überzeugung, dass wir hier dem Mann aus Nazareth, der - wie gesagt - kein Kostverächter war, und seinem Anliegen und seiner Botschaft bemerkenswert nahe gekommen sind.